Biografie von Thekla Freising, verfasst von Prof. Dr. Heide Inhetveen anlässlich der Stolpersteinverlegung am 28. Mai 2015

Das kurze und gedrückte Leben der Thekla Freising

„Ich kann mich noch gut an die Thekla erinnern! 1937 bin ich in die Schule kommen und jeden Morgen an dem Haus vorbei. Da hat sie immer morgens die Fensterläden am Freisinghaus aufgemacht. Sie war ein ganz hübsches Mädchen, hat den Kopf immer leicht schräg gehalten. Sie hat a klaans Buckerla ghabt.“

Ähnlich wie mein heute 84jähriger Nachbar erinnert sich auch eine andere Dorfbewohnerin an ein schönes Mädchen, ein feines Mädchen“.

Das Dorfgedächtnis bewahrt – wie auch die beiden Fotos, die ich von Thekla Freising kenne – das Bild eines jungen zarten Mädchens.

Thekla Freising wird am 24. Oktober 1900 in dem kleinen oberpfälzer Bergdorf Sulzbürg im eigenen Haus Nr. 90 geboren. Sie ist die Jüngste der sieben Kinder des Eisenwaren- und Geschirrhändlers Simon Freising und seiner Frau Doris. Ehe Thekla den Kinderschuhen entwachsen ist, verlassen ihre ältesten Brüder Karl (*1886) und Gustav (*1888) das Haus und beginnen eine Kaufmannslehre. Das „Freising-Haus“, wie es noch heute ältere Menschen nennen, steht vis-à-vis von der mächtigen Synagoge von 1799. So hat Thekla einen kurzen Weg in die jüdische Schule. Während ihrer Schulzeit verlassen auch die Brüder Julius (*1890 Sulzbürg), Siegfried (*1893 Freystadt) und Benno (*1895 Freystadt) das Haus. Wie gut, dass Ida (*1895 Freystadt), die fünf Jahre ältere Schwester, zunächst noch im Haushalt lebt. Der 1. Weltkrieg bringt der Familie Schrecken und Verluste. Alle fünf Söhne sind an der Front. Schwester Ida, inzwischen 20 Jahre, führt das Geschäft von Bruder Gustav in Zirndorf weiter. Schon in den ersten Kriegsmonaten fällt Siegfried (gest. 09.10.1914) , nach zwei Jahren stirbt Benno (27.06.1916, angeblich Suizid). Die anderen Brüder überleben, Gustav mit erheblichen Kriegsverletzungen. Sie gehen ihre eigenen Wege, gründen erfolgreiche Unternehmen in Regensburg und Plauen.

Thekla ist nun allein mit den Eltern. Schwester Ida hat am 22. Januar 1920 geheiratet und lebt mit Mann und dem kleinen Hans Josef (*22.10.1920) in Zirndorf.[1] 1925 stirbt Mutter Doris an Herzschwäche; sie erhält auf dem Israelitischen Friedhof in Sulzbürg ein prächtiges Grabmal. Thekla übernimmt die Versorgung ihres Vaters, des Hauses und des großen Hanggartens. Ein Großteil der jüdischen Nachbarsfamilien ist inzwischen nach Neumarkt, nach Regensburg oder auch nach Palästina verzogen. Es ist einsam um die junge unverheiratete Frau in Sulzbürg geworden. Verschlechterte die zunehmende Konkurrenz schon in der Weltwirtschaftskrise der Zwanziger Jahre die Lebensverhältnisse für jüdische Landfamilien, so spüren Thekla und ihr Vater seit der Machtergreifung der Nazis eine zunehmende Feindschaft nun auch in ihrem Dorf, das doch seit 500 Jahren Heimat für jüdische Familien war. Gegenüber ihrem Haus, vor der Synagoge, wird wie im ganzen Deutschen Reich ein sogenannter Stürmer-Kasten auf zwei Pflöcken angebracht, in dem die jeweils aktuelle Ausgabe des Streicherschen Hetzblattes öffentlich und kostenlos zur Schau gestellt wird. Wenn Thekla zum Fenster hinaussieht und die Dorfbewohner bei der Lektüre der antisemitischen Parolen beobachtet, beschleicht sie wohl große Angst. Wen wundert es, dass Thekla die schweren Fensterläden abends schließt und morgens öffnet. Die Schrecken der Pogromnacht erlebt sie hautnah am Morgen danach, dem 10. November 1938: Brüllende fremde Männer aus Neumarkt - aber auch Personen aus dem eigenen Dorf - werfen die Fenster der Synagoge ein, zerschlagen Bänke und Stühle, die wertvollen Thorarollen des Distriktrabbinats, die „große goldene Hand“, die Almosenbüchse, wird aufgebrochen, heilige Schriften später verbrannt. Der alte Emmanuel Regensburger wird zusammengeschlagen. Lazarus Weil wird ins Neumarkter Gefängnis verschleppt und anschließend einen Monat lang im KZ Dachau inhaftiert, wo auch Theklas Regensburger Bruder Karl inhaftiert ist. Angezündet wird die Sulzbürger Synagoge nicht, zu nah stehen viele Häuser der Christen. Dafür demoliert der Mob die Fenster des Freising- und des Regensburger Hauses.[2] Wie mögen Vater und Tochter Freising gezittert haben! Nur schwer werden sie damals einen Handwerker gefunden haben, der es wagte, die Fenster wieder zu richten. Schlimme Nachrichten auch von Schwester Ida aus Zirndorf: Dort waren in der Pogromnacht das Synagogeninnere demoliert und wertvollen Ritualien vollständig vernichtet worden. Am 11. November hatte man die wenigen vebliebenen jüdischen Familien, unter ihnen vermutlich Ida Krämer und ihre Familie, mit einem Lastwagen aus Zirndorf hinausbefördert und ihrem Schicksal überlassen. Zurückgekehrt waren sie von der Stadtverwaltung aufgefordert worden, schnellstens den Ort zu verlassen. Ida Freising flüchtete am 22. November 1938 nach Nürnberg und wohnte dann ab dem 28. November mit Mann und Sohn in der Fürther Straße 17[3]. Wie eine Flucht zu bewerkstelligen sei, wird nun zum quälenden Thema aller Geschwister.

Als Ende der 30er Jahre die Enteignungen jüdischen Eigentums voranschreiten, sieht der über 80jährige Vater Simon Freising in Sulzbürg, dass auch er sein Anwesen nicht länger halten kann. Er findet ein junges Ehepaar als Käufer. In einem Vorvertrag vom 4. Juli 1939 (zwischen Simon Freising und dem Ehepaar Grasruck) wird festgelegt, dass er und Thekla noch bis zum 1. Januar 1940 in zwei Nordzimmern im 1. Stock des Hauses wohnen und das diesjährige Obst und Gemüse aus den beiden Gärten ernten dürfen. Am 4. März 1940 findet der endgültige Notarstermin statt, an dem auch Ida und Karl Freising den Verzicht auf ihr Erbrecht am väterlichen Nachlass zu Gunsten ihrer Schwester Thekla erklären.[4]

Thekla und ihr Vater sind nun heimatlos, die Familie zerfällt. Simon Freising zieht nach Regensburg in ein Altersheim bzw. Sammellager und entgeht nur durch seinen Tod im Januar 1941 den Deportationen. Bruder Julius hat sich schon im Sommer 1938 um die sog. Aussiedelung gekümmert, Bruder Gustav ist am 1. April 1939 nach Brasilien ausgewandert. Ida und ihre Familie treten die Flucht nach Nordamerika am 7. März 1940 an, also drei Tage nach dem genannten Notarstermin. Bruder Carl in Regensburg hat seine älteste 17jährige Tochter Ruth nach New York retten können[5] – für sie wird im Juli ein Gedenkstein in Regensburg verlegt. Für ihn, seine Frau Irma und die beiden jüngeren Kinder Doris und Alfred ist es zu spät. Enteignet und verarmt wird die Regensburger Freising-Familie im April 1942 nach Piaski deportiert und ermordet. In Regensburg erinnern vier Gedenksteine an ihr Schicksal.

Thekla Freising ist ab dem 13. Juli 1940 in Nürnberg gemeldet, einer Stadt, in der NSDAP-Gauleiter Julius Streicher Übergriffe und Pogrome auf die jüdische Bevölkerung organisiert und eine Atmosphäre schafft, die der Zeitzeuge Arno Hamburger als „viel schlimmer als in anderen deutschen Städten, viel schlimmer“ beschreibt.

Für Thekla beginnt innerhalb Nürnbergs eine Odyssee: Zunächst arbeitet und wohnt sie als Hausangestellte bei Familie Baumann[6] am Laufertorgraben 6. Schon nach wenigen Monaten wechselt sie am 2./3. Dezember 1940 in die „Lazarus und Bertha Schwarz'sche Altersversorgungsanstalt“, ein jüdisches Altersheim in der Johannisstr. 17.[7] Dort bleibt sie für 4 Monate. Dann wohnt und arbeitet sie bei dem Ehepaar Liebenthal am Kaulbachplatz 13.[8]

Am 21. November 1941 wird ein Ausreiseverbot für die jüdische Bevölkerung erlassen; die Nazis haben sich auf die endgültige Vernichtung der europäischen Juden eingeschworen. Bereits eine Woche später, am 29. November 1941, werden mehr als 1000 Jüdinnen und Juden, etwa die Hälfte aus Nürnberg, in ein Barackenlager am Reichsparteitagsgelände verbracht, geschlagen, gedemütigt, aller ihrer Wertsachen beraubt und dann vom Bahnhof Märzfeld in das KZ Jungfernhof bei Riga deportiert.[9] Unter ihnen sind auch Theklas Arbeit- und Wohnungsgeber, das Ehepaar Liebenthal.[10] Thekla flüchtet am 28.11. in die Tuchergartenstraße 15, auch nur eine kurze Bleibe, denn schon rollt die 2. Deportationswelle an. Am 24. März 1942 werden 1000 jüdische Menschen deportiert, davon 426 aus Nürnberg. Unter ihnen ist Thekla Freising zusammen mit fünf weiteren Bewohnern[11] der Tuchergartenstraße 15.[12] Drei Tage vorher – an Shabbat! – waren sie von Gestapobeamten abgeholt und unter schlimmsten Bedingungen in Langwasser interniert worden.[13] Dann die Deportation mit dem Zug Nummer Da36 - „ausgewandert“ vermerkt die Nazi-Bürokratie auf Theklas Meldekarte. Ziel ist das 900km entfernte polnische Ghetto Izbica bei Lublin.[14] Der Monatsbericht des Regierungspräsidenten von Ober- und Mittelfranken vom 5.5.42 formuliert zynisch-bürokratisch: "Am 24. März wurden 781, am 25. April 105 Juden nach dem Osten evakuiert. Außer einigen Selbstmorden und Selbstmordversuchen sind keinerlei Störungen eingetreten." [Bayern in der NS-Zeit, Bd. 1, München 1977, S. 484] [3]

Izbica war bis März 1942, als diese Deportationszüge aus dem Reichsgebiet eintrafen, vor allem ein Ghetto für die polnische jüdische Bevölkerung. Im April wurde ein Teil der Ghettobewohner in das nahegelegene KZ Belzec verschleppt, im Juni wurde das gesamte Ghetto liquidiert, die Menschen erschossen oder in die soeben fertiggestellten Vernichtungslager Sobibor und Belzec deportiert. Auch alle Personen des 2. Nürnberger Transportes wurden ermordet.
Wann und wo genau Thekla Freising umgebracht wurde, wissen wir nicht. Ihre Nürnberger Meldekarte vermerkt für den 08. April 1942 ihre „Abmeldung“. Am 18.07.1952 (rechtskräftig ab dem 01.09.1952) wurde sie vom Amtsgericht Nürnberg für tot erklärt und als Todeszeitpunkt der 8. Mai 1945 eingetragen.[15]

 

Lit (s.a. Anmerkungen):

Michael Diefenbacher, Wiltrud Fischer-Pache (Hrsg.): Gedenkbuch für die Nürnberger Opfer der Shoah. Edelmann, Nürnberg 1998, ISBN 3-87191-249-2.

Alfred Gottwald, Diana Schulle: Die ‚Judendeportationen‘ aus dem Deutschen Reich 1941-1945. Marix, Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-059-5

http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_NU_JU_gedenkb2.pdf Tötungsorte der Nürnberger Opfer der Shoa


[1] Daten zu Ida Freising aus dem Stadtarchiv Nürnberg, Bestand C 21/X (Meldekarten jüdischer Einwohner bis 1945) Serie I Nr. 5.

[2] Vgl. Hirn 2011, S.126. Er zititiert aus der Hausarbeit von Martina Lang.

[3] Viele ihrer Nachbarfamilien in dieser Straße waren jüdisch. So hatte im Nachbarhaus Nr. 16 J. Grünbaum &Co. eine Pferdedecken-Fabrik. In 17b wohnte der Hopfenhändler Anton Buchmann; in Hsnr. 17 Sigmund Kirschbaum mit einem Schreibwaren-Exportgeschäft. Vgl. http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_NU_JU_gewerbe.pdf

[4] Erbverzichtsvertrag; Kaufvertrag, PA Anna Fürst, abgedruckt bei Hirn 2011, S.602.

[5] Ausreise mit dem Schiff President Harding am 14. Februar 1938 von Hamburg nach New York.

[6] Stadtarchiv Nürnberg (Dr. Jochem): Meldekarte (Signatur C 21/X Nr. 2). Handelte es sich um die Galalithwarenfabrikanten Gebrüder Baumann, Jakobstr. 5? Vgl. http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_NU_JU_gewerbe.pdf . Laut http://www.jewishgen.org/yizkor/Nuremberg/nur003.html wohnte eine Familie Baumann mit drei Personen am Weinmarkt 12a. Sie wurde deportiert. Möglicherweise ist die Familie Baumann, bei der Thekla arbeitete, emigriert.

[7] Die Lazarus und Berta Schwarz-Stiftung war 1894 ins Leben gerufen worden und erwarb 1899 das Gebäude in der Johannisstr. 17. Dieses diente 40 Jahre als Jüdisches Altersheim. Im Januar 1939 erwarb der stellvertr. Gauleiter Karl Holz das Gebäude und verkauft es zum Juli 1939 an die Israelitische Kultusgemeinde. Noch im Jahre 1941 wurden hier über 50 Personen betreut. 1942 ging sie von dieser an die Reichsversicherung der Juden über, angeschlossen an die Reichsvereinigung der Juden. Die Insassen wurden zusammen mit den Menschen der Jüdischen Altersheime Knauerstraße 27 und Wielandstraße 6 am 10. September 1942 in das KZ Theresienstadt in Nordböhmen verschleppt („Alterstransport“ ). Die Abfahrt der insgesamt 533 meist alten und teilweise kriegsbeschädigten und körperlich behinderten Menschen auf dem Bahnhof Finkenstraße vollzog sich dramatisch. Nur 26 seiner jüdischen Passagiere überlebten. Nun war das Gebäude Johannisstraße 17 leer und die Cnopf’sche Kinderklinik kaufte es von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland ab. Vgl. http://www.stadtteilforum.org/index.php?id=753.

[8] Vgl. Einwohnermeldearchiv Nürnberg Bestand C 21/X (Meldekarten jüdischer Einwohner bis 1945) Serie I Nr. 2

[9] Initiator der Aktion war der Nürnberger Polizeipräsident und SS-Brigadeführer Dr. Benno Martin, die Durchführung besorgte Kriminalrat SS-Sturmbannführer Dr. Theodor Grafenberger, Leiter des „Judenreferats“ der Gestapo Nürnberg-Fürth. Die Deportation wurde im Auftrag der SS von Richard Nickel gefilmt.

[10] Vgl. http://www.statistik-des-holocaust.de/OT411129-Nuernberg8.jpg (Listen der Deportierten aus Nürnberg). Laut http://www.jewishgen.org/yizkor/Nuremberg/nur008.html handelte es sich um Fanny Liebenthal, geborene Oppenheimer (*1892 Burgkunstadt) und Kurt Liebenthal (* 1895 in Königsberg).

[11] Es handelt sich um Moritz und Juliane Künstler, Cornelia Prager , Jakob, Martha und Robert Wetzler. Vgl. http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_bay_420324.html

[12] http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/EN_NU_JU_jtn.pdf (dort Stadtplan von Nü mit jüdischen Quartieren, Tuchergartenstr. NO-Quartier)

[13] s. dazu http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_NU_JU_kolb_text.pdf (download 26.5.2015)

[14]Zum Deportationsort Bahnhof Märzfeld vgl. stadtbild-initiative-nuernberg.de

[15] Einwohnermeldearchiv Nürnberg Bestand C 21/X (Meldekarten jüdischer Einwohner bis 1945) Serie I Nr. 2, Information vom 26. 05.2015; s.a. Diefenbacher/Fischer-Pache (Hrsg.) 1998, S. 80.