Biografie von Thomas Kühn
Dr. Trude Hirsch und Dr. Alfred Hirsch
Trude Therese Hirsch kam am 13. Februar 1904 in Hagenow in Mecklenburg zur Welt. Ihr Vater Hugo Hirsch (1869–1933) wuchs als ältestes von drei Geschwistern in Schwerin auf. Seine Ehefrau Frieda Hirsch geb. Haas (1874–1955) stammte aus Fürth. Das Ehepaar zog von Schwerin nach Hagenow, wo der Familienvater ab 1899 als Kaufmann im Gewerberegister geführt wurde und vor allem im Produktenhandel tätig war. Trude Hirsch besuchte hier von 1916 bis 1918 die Höhere Töchterschule. Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Familie zurück nach Schwerin, wo sich Hugo Hirsch auch als Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde engagierte. Den Betrieb in Hagenow übergab Hugo Hirsch an seinen jüngeren Bruder Siegfried. Die Hochschulreife erwarb Trude Hirsch im Frühjahr 1923 auf dem „Städtischen Lyseum mit Studienanstalt“ in Schwerin.
Ab dem Sommersemester 1925 studierte Trude Hirsch Medizin an den Universitäten Berlin, Freiburg, Rostock und Heidelberg; die medizinische Vorprüfung legte sie am 5. März 1927 in Rostock ab, das Staatsexamen folgte am 28. Juli 1930 in Berlin. Ihr praktisches Jahr absolvierte sie im Auguste-Viktoria-Krankenhaus Schöneberg (Berlin): Zunächst arbeitete sie von September 1930 bis Februar 1931 in der chirurgischen Abteilung unter Direktor Prof. Dr. Nordmann, das folgende Halbjahr unter der Anleitung von Direktor Prof. Dr. Glaser in der inneren Abteilung. Ihre Dissertation „Ueber Spontanheilung von malignen Tumoren“ fertigte sie unter Anleitung von Prof. Dr. Nordmann an und wurde am 30. März 1933 promoviert. Im selben Jahr musste ihr Doktorvater seine Stellung auf Grund seiner demokratischen Gesinnung unter nationalsozialistischem Druck aufgeben. Trude Hirsch wandte sich später der Pädiatrie zu und wurde Kinderärztin.
Alfred Hirsch kam am 8. August 1899 als Sohn des Kaufmanns Friedrich „Fritz“ Hirsch und Frieda Hirsch geb. Wassermann in Pirmasens zur Welt. Die Familie zog 1901 nach Nürnberg und lebte dort zeitweilig in der Schreyerstraße 21. Alfred Hirsch besuchte 1906 bis 1910 die Volksschule und ging anschließend bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf das Realgymnasium. Im Mai 1918 trat er ins Militär ein diente bis Jahresende als Soldat im 8. Bayerisches Feldartillerie-Regiment (Nürnberg) und im 10. Bayerisches Feldartillerie-Regiment (Erlangen). Er kehrte ans Gymnasium zurück und legte im Sommer 1919 sein Abitur ab. Im folgenden Wintersemester nahm er das Studium der Zahnmedizin in Erlangen auf, das er in München fortsetzte. Nach einem weiteren Semester wechselte er an die Universität Würzburg. Hier absolvierte er im Mai 1921 die zahnärztliche Vorprüfung. Die Abschlussprüfung, die Approbation und die Promotion erfolgten 1923 ebenfalls in Würzburg. Seine Doktorarbeit trägt den Titel „Der Foetor ex ore und seine Therapie bei Krankheiten des Mundes und Allgemeinerkrankungen“. Alfred Hirsch kehrte im August 1923 nach Nürnberg zurück, wo er in der Fürther Straße 10 eine eigene Praxis eröffnete. Hier war er seit Februar 1926 auch gemeldet. Die Praxis verlegte er später in die Ludwigstraße. Im März 1934 bezog Alfred Hirsch eine Wohnung in der Wodanstraße 72.
Alfred Hirsch und Trude Hirsch heirateten am 25. März 1937 in Berlin-Schöneberg. Zu diesem Zeitpunkt war Alfred Hirsch weiterhin in Nürnberg gemeldet, Trude Hirsch jedoch bei ihrer Mutter in der Kaiser-Wilhelm-Straße 65 in Schwerin. Zum 12. Juni 1937 erfolgte die Ummeldung zur Anschrift ihres Mannes. Als jüdische Ärzte wurden Alfred und Trude Hirsch seit der Machtübernahme 1933 durch die NSDAP zunehmend bedrängt und verfolgt; bereits seit dem 22. April 1933 erhielten sie keine Kassenzulassung mehr. Aus einem Schreiben an das Finanzamt geht hervor, dass Albert Hirsch bereits im ersten Jahr des nationalsozialistischen Regimes einen deutlichen Rückgang an Einnahmen zu verschmerzen hatte. Der Antrag auf einen Reisekredit legt die Vermutung nahe, dass Alfred Hirsch bereit seit 1935 plante, das Land zu verlassen. Der Versuch nach Großbritannien auszuwandern scheiterte jedoch, da die dortigen Behörden seine Approbation nicht anerkannten. Seine Frau und er orientierten sich schließlich in Richtung der Vereinigten Staaten von Amerika; die nötigen Genehmigungen erhielten sie 1937. Die Gestapo und das Finanzamt behielten potentielle Emigranten wie das Ehepaar Hirsch im Blick, um „Steuer- und Kapitalflucht“ zu verhindern, und sie mit hohen Abgaben zu belegen.
Dem Entzug der Approbation in Deutschland und dem faktischen Berufsverbot kam das Ehepaar zuvor: Auf eine erste Überfahrt im Mai 1937 von Bremen in die USA mit dem Dampfschiff „Europa“ folgt die endgültige Emigration. Im französischen La Havre bestiegen sie am 7. April 1938 die „Manhattan“ und erreichten am 15. April 1938 New York. Die Abmeldung in Nürnberg war bereits am 1. April 1938 erfolgt.
Das Ehepaar ging zunächst nach Louisville in Kentucky, wo sie in der South Second Street 829 lebten und bereits am 17. Juni 1938 die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragten. Im Dezember 1944 erfolgte schließlich die Einbürgerung des mittlerweile in New York lebenden Ehepaars. Hier arbeiteten sie als Kinderärztin und Zahnarzt. Bekannte Anschriften in der Metropole am Hudson River sind die West 165th Street und seit den 1960er-Jahren der Cabrini Boulevard.
Trude Hirschs verwitwete Mutter folgte ihrer Tochter in die USA, nachdem sie 1939 durch Enteignung um ihre landwirtschaftlichen Grundstücke in Hagenow gebracht worden war. Frieda Hirsch floh am 23. Februar 1940 zunächst nach Lausanne in die Schweiz, wurde am 28. Februar 1941 ausgebürgert und emigrierte am 5. Mai 1941 über Bilbao (Spanien) in die USA, wo sie am 20. Juni 1955 im Alter von 80 Jahren in New York verstarb. Überfahrten nach Frankreich und Großbritannien belegen, dass Alfred und Trude Hirsch in den 1950er-Jahren wiederholt nach Europa reisten. Trude Hirsch hielt bis in die späten 1960er-Jahre den Kontakt zu ihren Verwandten in Hagenow. Ihren Lebensmittelpunkt hatte das Ehepaar Hirsch jedoch in New York. Sie bemühte sich, nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen der sogenannten „Wiedergutmachung“ angemessene Entschädigungen für erlittenes Unrecht wie den unfreiwilligen Verkauf von Grundstücken zu erhalten. Alfred Hirsch verstarb am 20. Januar 1967. Seine Witwe erhielt erst nach seinem Tod einen finanziellen Ausgleich. Trude Hirsch verschied am 15. Juli 1994. Beide wurden auf dem jüdischen Friedhof in Cedar Park in Paramus, Bergen County in New Jersey bestattet. Die Verlegung der Stolpersteine für Trude und Alfred Hirsch vor der Wodanstraße 72 in Nürnberg erfolgte am 29. April 2026.
Trude Hirschs Vater Hugo Hirsch verstarb am 28. März 1933 in Schwerin, laut familiärer Überlieferung an der Aufregung über den erstarkenden Nationalsozialismus. Seine Schwester, die am 19. April 1883 in Schwerin geborene Ulrike Hirsch, kam am 10. Juli 1942 in Ludwigslust in Haft und wurde am folgenden Tag in das KZ Auschwitz deportiert, wo sie im selben Monat ermordet wurde. An ihr Schicksal erinnert ein Stolperstein vor dem Schweinemarkt 4 in Schwerin. Sein Bruder Siegfried Hirsch, Trude Hirschs Onkel, überlebte in Hagenow, da seine Ehefrau aus einer christlichen Familie stammte. Das Ehepaar sowie ihre Tochter und Enkel litten jedoch unter politischer Verfolgung sowie gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ausgrenzung. An das Schicksal dieser Familie erinnern Stolpersteine vor der Langen Straße 45 in Hagenow, die am 16. März 2026 verlegt wurden. Die Verlegung eines Stolpersteins für Trude Hirschs Mutter Frieda Hirsch, die zu ihrer Tochter in die USA geflohen war, wird angestrebt.
Thomas Kühn, Hagenow April 2026
www.museum-hagenow.de
Quellen und Literatur
Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Abteilung IV Kriegsarchiv, Kriegsstammrollen 1914–1918, Bd. 14137, Kriegsstammrolle Bd. 10; Bd. 14222, Kriegsstammrolle Bd. 9 [www.ancestry.com, abgerufen am 10. Januar 2026].
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Dominik Groß: Lexikon der Zahnärzte & Kieferchirurgen im „Dritten Reich“ und im Nachkriegsdeutschland. Praktiker und Standespolitiker. Bd. 2 (F–I), Leipzig 2025.
Alfred Hirsch: Der Foetor ex ore und seine Therapie bei Erkrankungen des Mundes und Allgemeinerkrankungen. Inaugural-Dissertation verfasst und der Hohen Medizinischen Fakultät der Bayer. Julius-Maximilians-Universität Würzburg Erlangung der zahnärztlichen Doktorwürde. Würzburg 1923.
Trude Hirsch: Ueber Spontanheilung von malignen Tumoren. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der medizinischen Doktorwürde an der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin. [Berlin] 1933.
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