Rudolf Koch, Porträtfotografie 1939.

(Staatsarchiv Nürnberg, Kriminalpolizeileitstelle Nürnberg-Fürth, Nr. 176)
Das Gebäude Untere Talgasse 6 b (hier links) schließt unmittelbar westlich an das Herrenschießhaus an. Der Renaissance-Bau aus den Jahren 1582/83 war ursprünglich das Domizil einer Schützengesellschaft. Später brachte man ein Militärkrankenhaus und dann eine Schule darin unter. Fotografie um 1920.

(Stadtarchiv Nürnberg, A44/C Nr. 6157.1)
Rot umrandet das Haus Untere Talgasse 6b. Südlich davon sind die Große und die heute verschwundene Kleine Insel Schütt, sowie die dazugehörenden Pegnitzarme zu erkennen. Am unteren Bildrand sind das Gewerbemuseum (rechts) und die Norishalle (links) zu sehen. Luftaufnahme 1927.

(Stadtarchiv Nürnberg, A 97 Nr. 297)

Rudolf Koch

(1918-1986)

Verlegeort: Untere Talgasse 6b Stadtteil: St. Sebald
Patenschaft: Fliederlich e.V. – queeres Zentrum Verlegedatum: 17. Oktober 2017

Biografie

Seit dem 17. Oktober 2017 erinnern Stolpersteine in Nürnberg auch an homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus. Veranlasst hatte die Verlegung der Arbeitskreis Politik bei Fliederlich e.V. unter der Leitung von Ralph Hoffmann (†). An diesem Tag verlegte Gunter Demnig unter anderem einen Stolperstein für Rudolf Koch, der im KZ Flossenbürg kastriert wurde.

Rudolf Koch kam am 27. September 1918 als Kind einer alleinerziehenden Mutter in Nürnberg zur Welt. Nach dem Besuch der Volksschule begann er eine Lehre als Elektroinstallateur. Im Januar 1935 griff ihn die Polizei erstmals im Toilettenbereich des Kaufhauses „Weißer Turm“ auf, der als Treffpunkt von Homosexuellen bekannt war. Im Jahr darauf wurde ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Verstoßes gegen den § 175 eröffnet. Der nunmehr 18-jährige Koch hatte eine sexuelle Beziehung zu einem Gleichaltrigen unterhalten. Aus diesem Grund wurde er im März 1937 zu einer siebenmonatigen Haftstrafe verurteilt.

Die Strafe verbüßte Koch bis Ende Oktober 1937 im Gefängnis Niederschönenfeld, um danach nach Nürnberg zurückzukehren. Er lebte nun wieder bei seiner Mutter in der Schmausengasse 21. Da er seine Lehre nicht hatte zu Ende bringen können, arbeitete er als Ausfahrer für eine Metzgerei. Später war er als Automatenhelfer bei den örtlichen Zündkappenwerken beschäftigt.

1939 sahen Polizeibeamte Koch im Waffenhof (heute Handwerkerhof), einem bekannten Homosexuellentreffpunkt. Man unterstellte ihm, er habe sich dort prostituieren wollen und stellte ihn unter „planmäßige polizeiliche Überwachung“. Es war ihm nun verboten, nachts seine Wohnung zu verlassen und sich im Hauptbahnhof sowie an etlichen weiteren Orten in der Innenstadt aufzuhalten. Außerdem durfte er keinen Umgang mit anderen der Homosexualität verdächtigten Männern pflegen.

Bald schon konnte die Polizei einen Verstoß gegen die Auflagen feststellen: Beamte trafen Koch am 20. Dezember 1939 erneut in der Toilettenanlage im Kaufhaus „Weißer Turm“ an. Aus diesem Grund wurde er in „polizeiliche Vorbeugungshaft“ genommen. Das bedeutete, dass man ihn auf unbestimmte Zeit in ein Konzentrationslager einwies. Mitte Januar 1940 kam Koch ins KZ Sachsenhausen. Drei Monate später wurde er ins KZ Flossenbürg überstellt.

Nach Monaten der KZ-Haft entschied er sich offenkundig für den einzigen Weg in die Freiheit, der sich ihm bot. Im November 1941 ließ sich der damals 23-jährige Rudolf Koch in Flossenbürg „freiwillig“ entmannen. Mit der Begründung, dass nunmehr sein Geschlechtstrieb abgeklungen sei und er keine Gefahr mehr für die Gesellschaft darstelle, entließ die Lagerleitung ihn einige Monate später.

Die Informationen über Kochs weiteren Lebensweg sind spärlich gesät. Belegt ist, dass er nach seiner Freilassung 1942 in die Wehrmacht eingezogen wurde, den Krieg überlebte und danach nach Nürnberg zurückkehrte. Einem Bericht der „Nürnberger Nachrichten“ vom Frühjahr 1955 zufolge versuchte Koch, mittlerweile 37 Jahre alt, sich in der Pegnitz zu ertränken. Er wurde jedoch von Passanten aus dem Wasser gerettet. Als Grund für den Selbstmordversuch nannte er Depressionen, die vom Jahrestag des Todes seiner Mutter herrührten.

Zuletzt lebte Koch in der Unteren Talgasse 6, ganz in der Nähe des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Hauses in der Schmausengasse, in dem er mit seiner Mutter gewohnt hatte. Bei den Recherchen zu seiner Biographie konnte noch eine Nachbarin ausfindig gemacht werden, die Koch in seinen letzten Jahren kannte. Sie beschrieb ihn als einen scheuen und zurückhaltenden Menschen, der am Ende vollkommen vereinsamt lebte. Rudolf Koch starb 1986 im Alter von 68 Jahren.

- Stadtarchiv Nürnberg, C 21/IX Meldekarte.

- Staatsarchiv Nürnberg, Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Nürnberg-Fürth II, Nr. 759.

- Staatsarchiv Nürnberg, Kriminalpolizeileitstelle Nürnberg-Fürth, Nr. 176.

- Dokumente über Rudolf Koch in der Datenbank der Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution, URL: https://arolsen-archives.org/.

- Biografische Zusammenstellung von Dr. Matthias Gemählich.

Stolpersteine in der Nähe