Lemel und Sara Berger, Fotografie um 1930.

(Familie Sella)
Rot umrandet das Heugäßchen 2. Etwas südlich davon, am Spitalplatz (heute Hans-Sachs-Platz) und direkt am Ufer der Pegnitz, steht die 1874 eingeweihte Hauptsynagoge. Sie wurde im August 1938 noch vor der „Reichskristallnacht“ zerstört. Etwas links der Hauptsynagoge ist das teilweise über der Pegnitz errichtete Heilig-Geist-Spital zu erkennen. In der oberen linken Bildecke befindet sich der Hauptmarkt. Luftaufnahme 1927.

(Stadtarchiv Nürnberg, A 97 Nr. 296)

Lemel und Sara Berger

Verlegeort: Heugäßchen 2 Stadtteil: St. Sebald
Patenschaft: Menachem Sella Verlegedatum: 18. September 2015

Biografien

Am 18. September 2015 ließen Nachkommen von Lemel und Sara Berger Stolpersteine für sie verlegen. Beide stammten aus Polen und zogen nach Nürnberg, wo ihre Kinder geboren wurden. Die Kinder konnten auswandern, Lemel und Sara fielen dem Holocaust zum Opfer.

Leopold (genannt Lemel) Berger kam am 12. Dezember 1885 in Sokolow zur Welt, Sara Kaufmann am 18. April 1888 im benachbarten Nienadowka. Die beiden kleinen Ortschaften befinden sich etwa 200 Kilometer östlich von Krakau, nahe der heutigen Grenze zur Ukraine. Damals hieß die Landschaft Westgalizien.

Auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen flüchteten Ende des 19. Jahrhunderts viele Juden aus Osteuropa nach Westen. Auslöser waren Pogrome in Rußland und in benachbarten Ländern. In diesem Zuge kamen über mehrere Jahrzehnte hinweg etwa eintausend „Ostjuden“ nach Nürnberg, darunter das Ehepaar Berger. Die Bezeichnung „Ostjuden“ gab zunächst nur Aufschluss über die regionale und kulturelle Herkunft der Personengruppe, bald wurde der Begriff diskiminierend verwendet, indem man Rückständigkeit unterstellte.

In Nürnberg bauten sich Lemel und Sara Berger ein Lederwarengeschäft auf und wohnten im Haus Heugäßchen 2, an der Ecke zur Neuen Gasse. Das Gebäude existiert heute nicht mehr: Nach Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg war das Stadtviertel weitgehend zerstört und der Wiederaufbau folgte nicht exakt der vorherigen Bebauung.

Das Ehepaar Berger hatte vier Kinder: Giza (geb. 1911), Elsa (geb. 1913), Zalo (geb. 1915) und Sami (geb. 1917). Diese konnten zwischen 1933 und 1936 nach Palästina emigrieren. Die Eltern wollten wahrscheinlich nicht erneut in ein fremdes Land auswandern und alles zurücklassen, was sie sich in Nürnberg aufgebaut hatten.

Am 28. Oktober 1938 ordnete die Reichsregierung die sogenannte „Polenaktion“ an. Im gesamten Deutschen Reich wurden etwa 17.000 Juden polnischer Herkunft verhaftet und in Sammeltransporten über die Grenze nach Polen abgeschoben. Die Massendeportation erfolgte gewaltsam und sie kam für die Betroffenen vollkommen überraschend. Den Anlass bot eine Verordnung der polnischen Regierung, gemäß der die Pässe polnischer Staatsbürger jüdischen Glaubens ungültig werden sollten, wenn diese mehr als fünf Jahre im Ausland verbracht hätten.

Lemel und Sara Berger gehörten zu den Verschleppten. In Polen sperrte man sie mit etwa 5.000 anderen in eine Kaserne in der Grenzstadt Zbaszyn, wo die Menschen unter katastrophalen Bedingungen leben mussten. Nach zehn Monaten gelangte das Ehepaar Berger in Lemels Geburtsort Sokolow. Von dort wurden sie 1942 nach Belzec deportiert und ermordet.

- Manuskript zur Rede der Nachkommen anläßlich der Stolpersteinverlegung am 18. September 2015 [siehe Anhang].

- Stadtarchiv Nürnberg, C 21/X Nr. 1 Meldekarten.

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